Earlchaos

28. Juli 2010

Bertelsmann, der Kindergarten und ich.

Abgelegt unter: Allgemein — Earlchaos @ 12:53

In den Kindergärten wird derzeit viel gescheitert. Es macht wenig Sinn, sich eine Arbeit schön zu reden, deren wirkliche Indikatoren für Qualität laufen und sprechen können und die kund tun: “Ich will nicht in den Kindergarten. Da ist es mir zu laut und keiner spielt mit mir. Und langweilig ist es auch.”

Man scheitert an den Bildungsplänen, an den Anforderungen für die Herstellung von Schulfähigkeit, an den Erziehungsmethoden der Eltern, am Wetter, am akuten und chronischen Personalmangel, am Träger,  an der Armut der Familien, an der Ignoranz der Behörden, an der Sturheit von Kollegen, am Rückenleiden, an der Bürokratie, an räumlicher Enge, an den eigenen Ansprüchen, an der Lieblosigkeit und Ohnmacht vieler Eltern, an der Traurigkeit der Kinder, an ihrer Bedürftigkeit, an ihren Aggressionen.

Engagierte Zeitgenossen fragen uns Erzieherinnen  gern, was  man wirklich anders machen könnte, ohne auch Erziehung und Bildung Kinder den ökonomischen Zwängen zu unterwerfen, ohne das neoliberale Lied zu singen, nach der nichts ist ohne Effizienz geht, die angeblich immer gemessen werden kann- auch beim Lernen der kleinsten Kinder.  Sie fragen auch, ob denn “davor”, also vor den “Reformen” und “Bildungsplänen ” und “Sprachtests” alles besser war? Hat da nicht jeder Kindergarten vor sich hin gepröttelt? Hat nicht der Qualitätspapst Wolfgang Tietze schon früh gemeint, dass er festgestellt hätte, dass ein Drittel aller Kindergärten so schlecht sei, dass man sie schließen müsste, eine weiteres Drittel so lala wäre und nur ein Drittel gute Arbeit leistete? Danach kamen viele ältere Herren, die gemeint haben, dass sie etwas festgestellt haben und alle haben den selben Schluss gezogen: es muss etwas getan werden im Kindergarten.

Interessanterweise fand und findet  diese Entwicklung parallel zur Demontierung  unseres Sozialwesens statt. Da wurde  und wird auch zuerst alles schlecht geredet  (Renten, Krankenversicherung, Arbeitslosenhilfe), um dann völlig andere, profitorientierte  Systeme zu installieren. Da waren auch viele ältere, gut bezahlte  Herren und dazu noch sehr junge, fantastisch bezahlte Herren, die uns ständig vorgerechnet und eingeredet haben, dass wir die Risiken unserer Existenz ganz allein und aus eigener Tasche absichern müssen. Ein großes Risiko ist übrigens die Erziehung und Bildung unserer Kinder. Wenn aus ihnen nichts wird, leiden wir als Eltern sehr darunter. Wenn aus vielen Kinder nichts wird, leiden alle darunter.

Und es gibt noch eine Parallele: die Hochschulreform, der Prozess von Bologna.  Wie bei den Hochschulen wurde der chronische Geldmangel vieler Kindergärten nicht mehr benannt. Die “Reform ” sollte die Kindergärten stärken. Durch weitere Kürzungen, mehr Bürokratie, weniger Handlungsspielräume und einen Riesenberg mehr Arbeit. Das Ganze wird ständig evaluiert, zertifiziert und demnächst wahrscheinlich einem Rating unterworfen. Das haben die Hochschulen so ähnlich erlebt. Und wie im Hochschulbereich waren die  Verantwortlichen auch in den Verwaltungen und Kindergärten willfährig und blauäugig.

Ziele der “Reformen” waren dieselben: Geld sparen und Konkurrenz schaffen unter den Institutionen. Wähler aquirieren durch die hundertfachen Lippenbekenntnisse zur ” Bildung” und Schönreden aller Mängel und Missstände, Ausrichtung aller (!) Bildungsinstitutionen auf Effizienz im Sinne einer wirtschaftlichenVerwertbarkeit menschlicher Fähigkeiten, Bildung als Konsumgut zu etablieren und nicht als Selbstverständlichkeit in einer solidarischen Gemeinschaft, Einfluss industrienaher  Institutionen auf alle Bildungsbereiche sichern, Abschaffung der demokratisch legitimierten Entscheidungsgremien. Und das ist die Politik von Bertelsmann und Co. -siehe erster Eintrag dieses Blogs” Und dann kam Bertelsmann”.

Jetzt lacht aber die schwarze Seele, weil es nicht funktioniert.

Kinder funktionieren nämlich so nicht. Studenten und Schüler gehen auch  gerade auf die Straße. Weil sie älter sind als Vorschulkinder, brauchten sie etwas länger  für die Wahrnehmung, dass da etwas gar nicht gut läuft und dass sie protestieren müssen. Kinder machen das anders.

Sie werden unleidlich. Sie ziehen sich zurück. Oder sie werden sehr laut. Oder wütend und reizbar. Oder weinerlich.

Das kindliche Tun ist zweckfrei, aber nicht sinnlos. Und wenn Erwachsene kommen und ihnen begegnen mit dem Zweck, der immer mitgedacht wird, dann gibt es irgendwann auch Streik im Kopf der Kleinen. Alle Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass Kinder lebensnotwendig enge Beziehungen zu Erwachsenen brauchen. Fragen Sie vor allem die Bindungsforscher, weniger die Entwicklungspsychologen und Neurobiologen (obwohl die gerade auch angekommen sind bei diesem Stand der Dinge, Gerald Hüther z.B.) Wenn man diese Beziehungen missbraucht, indem man ihnen einen anderen Zweck unterwirft, der von Erwachsenen definiert und damit klein und beschränkt macht  wird, ist es so, als heirate man einen Menschen nur wegen seines Geldes und heuchelt ihm die große Liebe vor. Früher oder später geht eine solche Beziehung den Bach runter.

Stellen Sie sich vor, ihr Mann/ihre Frau kommt nach Hause und sagt ernsthaft zu Ihnen:” Ich möchte jetzt einen Treuetest mit dir machen. Der Test ist wissenschaftlich solide und nach dem Ergebnis werde ich mich entsprechend verhalten: dich verlassen oder dich weiterlieben. Wenn du dich weigerst, den Test zu machen, werte ich das als Schuldeingeständnis!”

Wie fühlt sich das an? Wie fühlt sich ein kleines Kind, wenn die Erzieherin kommt und sagt: ” So jetzt wollen wir mal gucken, ob du schon sprechen kannst……” Das passiert gerade in den Kindergärten in NRW, wo mal wieder mit einem sehr umstrittenen Test “Delphin” die Sprachentwicklung der Vierjährigen getestet wird. Kinder, die sich verweigern, gelten als durchgefallen und müssen zur zweiten Stufe in der Schule antreten und werden dort von einem  Lehrer getestet. Seit wann sprechen Vierjährige  unbefangen mit wildfremden Personen?

Mit diesem Verfahren brüstet sich die Regierung. Man habe verstärkt Sprache von Kindern gefördert, indem man sie zuerst getestet und dann in den Kindergärten gefördert habe. Fassen wir zusammen: zuerst nimmt man über Jahre den Kindergärten die Ressourcen (Personal, Geld, Räume) weg und redet  die Kitas schlecht. Dann bringt man derartige Verfahren (und davon gibt es viele) verpflichtend  in die Einrichtungen und verkauft das Ganze als einen Fortschritt bei dem Auftrag der Kitas, Bildung zu produzieren.

Unumstößlich ist aber die Tatsache, dass Kinder sprechen lernen, indem man mit ihnen- in einem kontinuierlichen herzlichen Kontakt – spricht. Die Marte -Meo -Methode zeigt auf eindrucksvolle, miniziöse Weise, wie eine entwicklungsfördernde Kommunikation aussieht und beweist letztendlich, dass eine solche Kommunikation sehr selten gelingen kann, wenn man zwanzig Kinder von 2 bis 6 Jahre den ganzen Tag mit maximal (!) zwei Erzieherinnen betreut.  Der personelle Standard bei den ganz kleinen Kindern ist noch schlechter und hat noch fatalere Auswirkungen. Denn die ganz kleinen Kinder brauchen noch mehr Zuwendung und noch mehr persönliche Ansprache. Erwachsene, die mit so viel Kindern in solcher Weise überfordert sind, reagieren nicht sehr unterschiedlich. Die meisten werden reizbar und abweisend, knapp in den Antworten. Einige Erzieherinnen lächeln sich bis zur völligen inneren Abwesenheit  und einige werden zum General. Nicht sehr sympathisch, oder?   Und nicht sehr förderlich.

Eine einzige Schlussfolgerung liegt da nahe: wir brauchen unbedingt kleinere Gruppen in der Kindergärten und gut ausgebildete, selbstbewusste Erzieherinnen, die sich sofort melden, wenn die Rahmenbedingungen nicht erlauben, dass sie gute Arbeit machen. Keine Sau wird fetter durch’ s Wiegen und kein Kind wird besser Sprache lernen dadurch, dass es getestet wurde. Die Gründe, warum Kinder sich sprachlich (und auch in anderen Bereichen) schlecht entwickeln, sind äußerst vielfältig und zwingen den Blick auf das gesamte Umfeld des Kindes inklusive seiner Biologie.

Das wirft eine Menge Fragen auf und hat etwas zu tun mit den Lebensbedingungen der Familien, mit der Integrationspolitik, mit der Schulpolitik, mit der  Kinderarmut und Städteplanung, dem Gesundheitssystem  usw. Kleines Beispiel gefällig: Privat Versicherte bekommen für ihre Kinder SOFORT Logopädie und Ergotherapie und andere Kinder eben nicht sofort oder nie.

Solche Fragen werden geschickt umgangen und kindliche Entwicklung reduziert auf die Frage: Kann es richtig sprechen? Dann wird es wohl in der Schule zurechtkommen. Wird es aber nicht, denn Kinder streiken- wie gesagt- schon sehr früh und später nennt man das: unmotiviert, unkooperativ, unsozial, auffällig, störend, mangelnde Basiskompetenzen.

Erzieherinnnen in den Kindergärten brauchen den Bildungsstreik nicht auszurufen, denn im Grunde erledigen das die Kinder für sie. Schlimm wird es, wenn sie nicht den Mut haben zuzugeben, dass sie scheitern und das gesamte neue Programm noch als Fortschritt verkaufen. Perfide ist es, wenn Erzieherinnen solche Maßnahmen wie den unsäglichen Delphintest benutzen, um sich gegen die Eltern zu richten. ( O-Ton: “Dann kapieren die endlich mal, dass sie ihr Kind von der Glotze wegnehmen müssen. Auf uns hören die ja nicht. Jetzt kriegen sie es schwarz auf weiß.”)

Wir Erzieherinnen müssen wohl in Zukunft Professionalität anders definieren. Wir kommen nicht mehr umhin, mehr Verantwortung zu übernehmen für das, was wir vor Ort mit den Kindern tun, denn unsere Fachberater, Vorgesetzten, unsere Politiker und leider auch einige  Wissenschaftler tun es nicht mehr. Wer Kinder als Lernmaschinen bezeichnet  und im Zusammenhang mit  liebevoller Kinderbetreuung und kindlichem Lernen das Wort “Effizienz” benutzt,  darf in unserer Kita DRAUSSEN BLEIBEN.

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